Archiv für Juni 2012

Rezension: Katrin Ledermann / Ulrich Skambraks: Der Griff nach unseren Kindern – Einblicke in ein (un)heimliches Erziehungsprogramm.

Sonntag, 24. Juni 2012

Welches Interesse könnte man heute haben, sich ein über zwanzig Jahre altes Buch zu Gemüte führen, zumal es sich dabei nicht um ein MotU-Buch als solches handelt, sondern um sog. Sekundärliteratur aus dem Bereich der erhobenen Zeigefinger? Vielleicht aus Schadenfreude, dass allen Unkenrufen zum Trotz aus den Kindern von einst – zu denen man ja selber gehört – rechtschaffende Erwachsene geworden sind, die voll im Leben stehen und vielfach eigene Familie haben?!
Jeder Motu-Fan weiß, dass es damals jede Menge Vorbehalte gegenüber den Masters of the Universe gab. Eltern, Lehrer, Pädagogen und Psychologen konnten sich seinerzeit keinen Reim darauf machen, wieso sich diese ‚hässlichen’ Plastikfiguren in kürzester Zeit so großer Beliebtheit erfreuten. Es dauerte nicht lange, bis Fernsehsendungen, Fachzeitschriften und Buchpublikationen sich He-Man & Co. annahmen, um ihnen pädagogisch auf den Zahn zu fühlen. In dieser Linie steht auch das vorliegende Buch ‚Der Griff nach unseren Kindern – Einblicke in ein (un)heimliches Erziehungsprogramm‘ von Katrin Ledermann und Ulrich Skambraks. Es erschien erstmals 1988, zu einer Zeit also, als die Masters of the Universe in Deutschland gerade ihren Zenit überschritten hatten.

Auf den ersten Blick

Schon allein der Titel setzt hohe Erwartungen: Versprochen werden Einblicke in ein programmatisches und absichtsvolles Handeln (Erziehung), welches im Verborgenen bzw. unbemerkt von den Erwachsenen stattfindet (heimlich) und dabei nichts Gutes im Schilde führt (unheimlich). Wer dort am Werke sein soll, wird aber noch nicht offenbart. Das Umschlagbild gibt jedoch erste Aufschlüsse: Wir erkennen sofort Skeletor, der aus dem Fernsehgerät starrt. Hinter dem Bildschirm steht eine muskulöse Gestalt mit Schwert, die an He-Man erinnert. Im Vordergrund grimmt eine bewaffnete, katzenähnliche Kreatur, die ein Verschnitt von Battle Cat oder Panthor sein könnte. Weitere Hexen- und Fabelwesen sind zu erkennen (Verschnitte von Regina Regenbogen, Bibi Blocksberg?). Ihnen gemeinsam ist, dass sie aus dem Fernseher steigen, so als würden sie in die reale Welt der Kinder vordringen wollen. Der Betrachter spürt: Es ist die Spielzeug- und Medienindustrie, die nach ‚unseren’ Kindern greift. Aber den Autoren zufolge ist eigentlich jemand ganz anderes hier am Werke …

Der Ausgangspunkt

Am Anfang ihrer Argumentationen steht der Begriff des new age, basierend auf den theosophischen Schriften von Alice Bailey (1880-1949), einer amerikanischen Esoterikerin. New age ist den Autoren zufolge der Glaube an ein sog. neues Zeitalter, in dem es keine Armut, keine Ausbeutung und keine Kriege mehr gibt. Es ist der Glaube an ein universelles Weltreich, in welchem Friede, Liebe, Harmonie und gegenseitiges Verständnis die menschlichen Beziehungen prägen. Alice Bailey hat – so führen die Autoren weiter aus – den Beginn dieses neuen Zeitalters für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts vorhergesagt. Ihre Informationen will sie aus dem Jenseits bzw. aus einer unsichtbaren Dimension erhalten haben und zwar von kosmischen Meistern, welche die Menschheit erretten wollen. Die Autoren bemerken dazu:
„Die unsichtbare Dimension präsentiert sich als eine Art Warenhaus mit einem recht schillernden Angebot an Übersinnlichem. Eine ‚kosmische Energie’ ist da zu finden, eine ‚ewige Schöpferkraft’ ebenso wie das ‚höchste Bewusstsein’. Dazu kommen aber auch unzählige ‚Geistwesen’, die ihre guten Dienste zur Erhaltung der Menschheit und der Natur zur Verfügung stellen wollen. Unterschiedlichste Gottheiten, ‚positive Kräfte’ oder auch ‚gute Mächte’ stehen bereit, kurzum: ungeheure Kraftquellen, deren ‚Heilenergien’ nun endlich für die sterbenskranke Welt genutzt werden sollen“ (S.29).

Damit das so beschriebene Jenseits unsere Welt erretten kann (damals vor allem: Tschernobyl, Waldsterben, Hungersnöte usw.), müssen gemäß den New-Age-Lehren beide Sphären – also Welt und Jenseits – miteinander verschmelzen. Wie? Indem Menschen durch eigene übersinnliche Erfahrungen (Meditation) in diese unsichtbare Dimension eintauchen. Nur so können die kosmischen Kräfte zur Rettung der ganzen Welt nutzbar gemacht und ein höheres Bewusstsein erlangt werden.

Das erhoffte neue Zeitalter kann sich jedoch nur dann vollends entfalten, wenn möglichst viele Menschen sehr schnell mit diesem Denken und Glauben vertraut gemacht bzw. darin erzogen werden. Schließlich hat es wenig Auswirkungen auf die Welt, wenn nur eine handvoll Anhänger nach den ’neuen‘ Überzeugungen lebt. „Doch eine breite Öffentlichkeit anzusprechen, ist nicht so einfach, besonders, wenn es dabei um religiöse Inhalte geht“ (S.29f) geben Ledermann und Skambraks zu bedenken. Von den Autoren erfahren wir deshalb, dass Alice Bailey einen Zeitplan von den kosmischen Meistern erhalten haben will, wonach ab 1975 über alle verfügbaren Medien, das ausgedehnte Publikum mit den New-Age-Lehren in Berührung kommen sollte.

Der springende Punkt

Aufgeklärt denkende Menschen tun die Lehren von Alice Bailey von vorne herein als Sektiererei ab. Doch das Tragische und zugleich Skurrile dabei ist, dass die Autoren von ‚Der Griff nach unseren Kindern‘ das nicht tun. Sie glauben in der Tat an einen geheimnisvollen Zeitplan. Sie glauben allen Ernstes, dass sich die Prophezeiungen von Alice Bailey am Bewahrheiten sind. Und die Leserinnen und Leser sollen das auch glauben! Sie sind davon überzeugt, dass ab 1975 eine riesige Manipulation der Massen in Gang gebracht wurde, um die Bevölkerung mit Gedankengut des new age zu infizieren. Wie? Durch die zunehmende Verbreitung audiovisueller Medien und durch den damit verbundenen Einstieg ins sog. Bildzeitalter! Kostprobe:

„Um politische Grenzen, religiöse Schranken und sprachliche Barrieren überwinden zu können, bedurfte es einer Universalverständigung, die von Ost nach West, vom Nordpol bis zum Südpol Gültigkeit hat. Seit den siebziger Jahren wird daran mit Hochdruck gearbeitet. Herausgekommen ist eine Propagandamaschine, die rund um den Erdball Tag und Nacht nur eines fabriziert: sprechende und lebende Bilder – Bilder, die jeder versteht, selbst Kinder. Nicht ohne Grund fällt der Start in das Neue Zeitalter zusammen mit dem Einstieg in ein totales Bildzeitalter. Denn nichts eignet sich besser als das ‚sprechende und lebende Bild’, um die zentralen Inhalte dieses neuen Zeitalters an den Mann zu bringen“ (S.29f).

Und weiter:

Oder sollte es nur reiner Zufall sein, daß acht der bisher zehn erfolgreichsten Filme aller Zeiten Zelluloidwerke sind, die mehr oder weniger New-Age-Gedankengut transportieren? Alle Filme wurden nach 1975 gedreht und kamen wenig später auf den weltweiten Kino- und Videomarkt. Das in diesem Zusammenhang zu nennende Hauptwerk, die Filmtrilogie ‚Krieg der Sterne’, entstand ab 1976. Die drei Teile weihten ein weltweites Millionenpublikum in die wichtigsten Themen des Neuen Zeitalters ein“ (S.30).

Der eigentliche Strippenzieher

Star Wars als geheime und absichtsvolle Einführung in das new age? An der Stelle offenbart sich bereits die paranoide Grundlage, auf der die Autoren weitere Ausführungen aufbauen. Aber der Höhepunkt steht noch bevor. Denn für Ledermann und Skambraks ist nicht George Lucas oder die Film- und Medienindustrie als solche der wahre Übeltäter. Es ist kein geringerer als der Teufel selbst! Ja, Luzifer, der gefallene Engel Gottes ist derjenige, der sich gegenüber Alice Bailey seinerzeit als die kosmischen Meister präsentiert haben soll. Den Autoren zufolge steht Satan überhaupt hinter jeglicher Art der (medialen) Verführung und Täuschung. Sie sind überzeugt: „Es wird ein gigantisches Täuschungsmanöver sein mit einem ganz bestimmten Ziel. Und dieses Ziel verfolgt der Gegenspieler Gottes, seit er mit seinen Gefolgsleuten von Gott verstoßen wurde. Satan, den die Bibel auch als ‚Gott dieser Welt’ vorstellt, hat im wesentlichen ein Interesse: Er versucht durch ausgeklügelte Taktiken, Menschen religiös in die Irre zu leiten“ (S.30).

Teufelszeug

Was dann im zentralen Teil des Buches folgt, ist ein Verriss ausgewählter Kinder- und Jugendmedien der 1970er und 1980er Jahre (Filme, Hörspiele, Literatur, Comics, Spielzeug). Ob Regina Regenbogen, die Glücks-Bärchis, Star Wars, Star Trek, E.T., die Ewoks, Bibi Blocksberg, Momo, die unendliche Geschichte, Jan Tenner, Lady Lockenlicht, Transformers, Alf oder auch die Masters of the Universe: Alles Teil eines riesigen Manipulationswerks des Bösen, welches die Seelen (Unterbewusstsein) ‚unserer‘ Kinder zum Ziel hat.
Den Autoren geht dabei mehrfach der ‚biblische Gaul‘ durch. Denn indem regelmäßig Bibelstellen als Beleg für aktuellen Medienentwicklungen präsentiert werden, wird mehr in den Bibeltext hineininterpretiert statt herausgelesen. Exegetisch höchst bedenklich! Pädagogisch handfestes Wissen sucht man in diesem Werk daher auch vergeblich. Dafür findet man viele Bibelstellen, die eine Paranoia schüren und zum Glauben an Jesus Christus bekehren sollen. Pädagogisch zu Wort kommen häufig Autoren aus der ‚theologischen Ecke’ und Interessensvereine. Wissenschaftlich begründete Erkenntnisse spielen keine Rolle.

Was über Masters of the Universe gesagt wird

Auch den Helden Eternias widmet das Buch ein ca. achtseitiges, recht kurzes Kapitel. Verächtlich wird es ‚Vom Schlaffi zum Super-Typ‘ überschrieben.

Zunächst einmal wird pädagogisch bemängelt, dass das Spiel durch das Aussehen der Figuren und des Zubehörs vollkommen vorgeformt sei. Es könne so kein echtes Rollenspiel aus dem Erleben oder der Fantasie der Kinder entstehen. Zudem fördere das Spielen mit He-Man die Gewöhnung an Gewalt, weil sowohl die Guten als auch die Bösen die gleichen Mittel im Kampf benutzten (vgl. S. 204f).

Ich weiß nicht, wie es anderen ergangen ist. Doch wenn ich meine Erinnerungen siebe, dann fallen mir einige Szenen von damals ein, in denen wir höchst phantasievoll mit He-Man und Skeletor gespielt haben. Immer wieder aufs Neue haben wir die Masters in Szene gesetzt – bei Tag, im Dunkeln, im Wasser, an Land, drinnen und draußen. Und gewalttätig ging es dabei nie zu! Und ganz zu schweigen von heute: Woher sollen denn all die wunderbaren Customfiguren und Fanfictions oder die selbst gemachten Hörspiele und Rollenspielkostüme kommen, wenn Masters of the Universe nicht die Fantasie und Kreativität ihrer Schöpfer beflügeln würde?

Doch die eigentliche Bedrohung liegt für Ledermann und Skambraks ganz woanders, nämlich in der angeblichen religiösen Botschaft der Masters of the Universe. Man lese und staune:
„Wie immer man auch die Auswirkungen von Gewalt und Horror in diesem Spielzeugsystem beurteilen mag, die Gefahr liegt in einem ganz anderen Bereich. Dieses geschlossene Spielzeuguniversum ist nämlich nicht ohne Grund eine clevere Mischung aus Märchen, Sage, Mythologie und Science-fiction“ (S. 206).
Dadurch, dass sich Prince Adam mit der Kraft der Zauberin von Grayskull in He-Man verwandelt, glauben die Autoren den Aspekt der Jenseits-Diesseits-Verschmelzung des new age wiederzuerkennen:
Bei den ‚Masters of the Universe’ ist dieses Verschmelzen von Diesseits und Jenseits wieder der Dreh- und Angelpunkt. Wie kein anderes Spielzeugsystem trägt ‚Masters of the Universe’ den zentralen Gedanken des Neuen Zeitalters in Millionen von Kinderzimmer und Kinderseelen – verkörpert in der Hauptfigur He-man“ (S. 206). Ah ja?!

Vorwürfe, dass ‚Masters of the Universe‘-Spielzeug als Elternersatz und Rollenvorbild für ‚Loser’ diene und zudem in okkulte Praktiken einführe, runden das Kapitel feierlich ab (vgl. 208f.).

Schlussbetrachtung

‚Der Griff nach unseren Kindern‘ ist ein Kind seiner Zeit. Es entsteht im Dunstkreis des Esoterik- und Okkultbooms (new age) der 1980er Jahre und deutet viele der neuen mediale Erscheinungen von einst (Privatfernsehen, Computerspiele, Plastikspielzeug) im Lichte dieses Booms. Es geht sich also gehörig selbst auf den Leim. Die Lektüre ist überdies in vielerlei Hinsicht problematisch:

Zunächst einmal ist es kein pädagogisches Buch. Wer glaubt, man findet z.B. einen Ratgeber für die Erziehung von Kindern im Kontext der damals neuen Medien, wird enttäuscht werden. Es präsentiert wenig pädagogisches Faktenwissen, aber jede Menge christliche Weltanschauung. Auch wenn einige Entwicklungen bezüglich des medialen Konsumverhaltens von Kindern zur Entstehungszeit des Buches pädagogisch zweifelhaft oder gar gefährlich sind und zurecht kritisiert werden (z.B. Computerspielsucht), so beschwört ‚Der Griff nach unseren Kindern‘ in missionarischer Selbstgefälligkeit eine paranoide und theologisch höchst fragwürdige Kernaussage: Satan führt mit dem Gott der Bibel einen jenseitigen Kampf, der im Diesseits ausgefochten wird. Die Kinder stehen dabei an vorderster Front, weil sie als schwächste Mitglieder der Menschheit leicht verführbar sind bzw. verführt werden. Der Gegner Gottes greift zu allen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, um die Kinder ins Verderben zu führen – auch und gerade durch ‚Masters of the Universe‘-Spielfiguren. Das zu erkennen, ist Anliegen des Buches.

Fazit

Die Ausführungen von Ledermann und Skambraks widersprechen auf breiter Front dem aufgeklärten Menschenverstand. Ohne Zweifel lassen sich in der Gesellschaft Aufwachsbedingungen vorfinden, die eine Gefährdung für Kinder darstellen. Aber Satan oder ein ’neues Zeitalter‘ dafür verantwortlich zu machen? Das Buch setzt folglich mehr auf Angst statt auf wirkliche Aufklärung. Damals wie heute braucht es einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien (Spielzeug) und nicht deren Verteufelung.

Ärgerlich ist zudem, dass sich ‚Der Griff nach unseren Kindern’ als pädagogisches Buch tarnt, um sich dann ganz unverhohlen als Missionslektüre zu entpuppen. Nichts gegen christlichen Lesestoff! Allerdings sollte er bereits auf dem Einband als solcher erkennbar sein, damit man auch wirklich entscheiden kann, was man lesen möchte und was nicht. Aber das passt zu dem Gesamteindruck des Buchs: Es schleicht durch die missionarische Hintertür und polarisiert unverdrossen. Indem es ausgewählte Bibelstellen zitiert und den weltlichen Entwicklungen wehklagend gegenüberstellt, verleitet es dazu, audiovisuelle Medien einem Schwarz-Weiß-Muster zu unterziehen: Bibel vs. mediale Welt. Meistens ist die Realität aber viel komplexer, als die Autoren das wahrhaben wollen.

Aus heutiger Perspektive kommt ‚Der Griff nach unseren Kindern‘ aber auch eine ungewollt komische und unterhaltsame Perspektive zu. Internet und Smartphones gab es damals noch nicht. He-Man & Co. als mögliche Einführung in okkulte Praktiken zu begreifen (Diesseits-Jenseits-Verschmelzung) kann angesichts heutiger medialer ‚Verführungen‘ kein Mensch mehr wirklich ernstnehmen.

Katrin Ledermann & Ulrich Skambraks: Der Griff nach unseren Kindern – Einblicke in ein (un)heimliches Erziehungsprogramm. Asslar 4. Auflage 1989 (Verlag Schulte & Gerth), 279 Seiten.